Montag, 9. September 2019

Die Potentiellen Steaks - Blanco Check II Live JC "Konrad Wolf" 07.12.88 - Generalprobe 08.04.89 Dachstudio Wassmannsdorf / für Werkstatt Köpenick 08.04.89

Die Potentiellen Steaks - Blanco Check II Live JC "Konrad Wolf" 07.12.88 -
Generalprobe 08.04.89 Dachstudio Wassmannsdorf / für Werkstatt Köpenick 08.04.89
 
Fuck Independence Records F.I.R. 025
 
1987/1989


"Dit is ja Dur, wir spielen nur Moll." (Micha)

Micha war zwar auch Blankenfelder, aber er war in dem Jahrgang über mir, daher kannten wir uns nur flüchtig, denn ich war ja für ihn nur ein Piepel gewesen. Er hatte aber mal einem Blamage-Auftritt beigewohnt. Als wir beide bei der Fahne waren, hatte er doch tatsächlich meine Mama um meine Adresse gebeten, und so traten wir also in den Briefwechsel. Ich zitiere auszugsweise: "In letzter Zeit habe ich ein paarmal mit einem gewissen Steve Tylor - ex HC zusammengespielt oder besser gesagt seine Solis begleitet (er ist eine Klasse besser als ich), wobei wir unser Studioprojekt "Notausgang" benannt haben. Da S.T. in Dresden studiert, warte ich auf Deine "Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst", um irgendetwas "Einmaliges, Verrücktes, Egozentrisches, Chaotisches, Orientalisches, usw. usf." auf die Beine zu stellen, frei von musikalischen und gesellschaftlichen Normen - sprich die Alternative zur gegenwärtigen DDR-Musikszene und zum kleinbürgerlichen DDR-Bürger-Leben. Deshalb schlage ich auch eigene deutschsprachige Titel vor, um unsere Bürgerschreckwirkung besser an den Verbraucher bringen zu können."

Als ich dann am 27. April 1986 endlich entlassen worden war, trafen wir uns, und er spielte mir das 85er Debüt-"Album" von Notausgang - eine Kassette - vor. Dieses enthielt ein Dutzend Titel, allesamt Eigenkompositionen, und wirkte sehr ernst, progressiv und erstaunlich gut gespielt und produziert, wenn man bedenkt, mit welcher Technik Micha und S.T. auskommen mussten. Ich verstand nur nicht, warum Micha da nicht anknüpfen wollte, und warum er an mich herangetreten war. Es war wohl die fehlende Balance des Duos gewesen, denn S.T. spielte einfach in einer anderen Liga, und hatte einen Output an Songideen (nicht aber Texten - bei mir war es eher andersrum), mit dem wir beide nicht Schritt halten konnten. Jedenfalls war Micha dann damit einverstanden, dass ich mal zur Notausgang-Probe mitkommen sollte, denn sie hatten Material für eine zweite "Scheibe" zusammen und wollten produzieren. Im Unterton schwang natürlich ein möglicher Einstieg als dritter Mann mit, denn Duos sind ja bekanntlich keine richtigen Bands.

Da saß ich also irgendwann im Sommer aufgeregt vor Micha und S.T. in Frau G.s Blockhütte (dem Pavillon, den Notausgang und später auch OFT zum Proben und Aufnehmen nutzten), und beide musterten mich, drückten mir die Gitarre in die Hand und forderten, dass ich nun einen eigenen Titel vorstellte, quasi als Aufnahmeprüfung oder Mutprobe. Ich hatte da nur Fortinbrasso im Angebot, aber den hielt ich für zu süßlich, um bei diesen Progressive Rockern Eindruck zu schinden. Also spielte ich einen halbfertigen Song an (Oh, Babe), und blickte in die Gesichter der beiden, die sich zunehmend verfinsterten. "Dit is ja Dur, wir spielen nur Moll". - Ich bekam dann aber noch die Kurve, und wenige Tage später begannen die Aufnahmen am zweiten Notausgang-Album - mit mir. Ich schrieb dann, so schnell ich konnte, noch ein paar weitere Songs dafür, und am Ende durften sogar Fortinbrasso und Oh, Babe drauf, beide in Dur, weswegen dieses Album sehr viel gefälliger (wir sagten "kommerzieller", obwohl wir natürlich nie etwas verkauften - wie auch) ausfiel.

Da ich der schlechteste Gitarrist war, übernahm ich meistens den Bass (den S.T. irgendwo ausgeborgt hatte - ich hatte ja selbst nur ein Banjo, und das passte nun gar nicht zu Notausgang). Ein Schlagzeug hatten wir nicht, aber S.T. hatte in Dresden einen Ungarn kennengelernt, der ein Casio-Keyboard sein eigen nannte, und dieses hatte eine Reihe eingebauter Schlagzeug-Standards. Diese hatte er auf einem Tonband aufgenommen, welches wir nun also in der Blockhütte hinter uns laufen ließen. Man musste beim Intro immer höllisch aufpassen, dass man auch ja die 1 traf, wenn S.T. die Pause-Taste drückte und das monotone Geratter losging. Richtig arg wurde es bei Titeln mit Überlänge, wenn der "Drummer" auf einmal aufhörte, obwohl der Titel noch gar nicht zu Ende war. Bei "Darkness and Blank" passierte das während der Aufnahme, jener Take war aber nach übereinstimmender Meinung sonst so gelungen, dass wir beschlossen, ihn dennoch zu nehmen und zu behaupten, das sei Absicht gewesen.

Als die Kassette (das 2. "Album") dann mit einem Fragebogen versehen in unseren Freundeskreisen kursierte, hatten wir einigen Spaß und freuten uns über die anerkennenden Kritiken (die wenigen miesepetrigen Kritiken kamen von den ortsbekannten Möchtegern-Musikern, die uns den Erfolg neideten, das war ja wohl klar). Schnell ebbte dann diese Aktion ab, denn wir hatten einfach niemand mehr, dem wir die Kassette ausborgen konnten, bzw. der sie hören wollte. Da wurde mir dann eines Tages klar, warum mich Micha und S.T. auch dabei haben wollten: sie wussten nicht, wie sie es anstellen sollten, "live" zu spielen, und wie denn das so ginge. Im Dezember 86 spielten wir dann - in Schönefeld, an der gleichen Stelle, an der The Blamage ihr Debüt gehabt hatte.

Um die Weihnachtstage nervte S.T. dann mit der Behauptung, wir müssten jetzt dringend das dritte Album hinterherschieben. Die Songideen sprudelten nur so aus ihm heraus, und er spielte sie uns dutzendweise vor, danach immer vorwurfsvoll fordernd: "Und? Welche Titel habt ihr für die neue Scheibe geschrieben?" Da merkte ich besonders bei Micha eine große Zerknirschung - er verschloss sich und machte erst recht rein gar nichts in der Angelegenheit, während ich krampfhaft versuchte, eine Handvoll neuer Songs zu schreiben (fünf davon landeten dann auf dem nächsten Album, aber das war nicht mehr Notausgang - mehr dazu im nächsten Kapitel).
 
 



Die Freude ist ganz meinerseits und in der Rubrik Vor, Während und Nach verschlägt es uns nun schon zum zweiten Mal nach Blankenfelde (- Mahlow) bei Berlin und Potsdam. Die Bewohner dieses Örtchen waren was Musik betrifft recht umtriebig. Die Ergebnisse ihres tun's auf diversen Tape Labels Veröffentlicht (nie Kommerziell, Handgearbeitetes Artwork, nicht mehr als 3 bis 4 Stück pro Aufnahme) Das letzte mal hatten wir Projekt Records. Jetzt geht es um Ulmes Fuck Independence Records, welches immerhin auf 58 Veröffentlichungen von 84 - 96 gebracht hat.
Noch besser ist das Ulme auch noch was zu Sagen hat. Deshalb oben ein geschichtlicher Diskurs und gleich folgend im speziellen zu diesem Tape.


Blanco-Check II, 7. Dezember 1988
Blanco-Check war eine von Susi und Uwe vom Expander des Fortschritts initiierte Veranstaltungsreihe zur Präsentation von Experimenten und Newcomern. Die Location war der Jugendclub "Konrad Wolf" gegenüber der Volksbühne an der Ecke (heute ein Teppichverkauf). Uns plagten technische Probleme, so spielten wir mit einem eigens zu diesem Anlass von Jan von Die Vision geborgten Roland Drumcomputer, den er aber für uns bedienen bzw. programmieren musste, außerdem hatte ich kurz zuvor im A+V meinen ersten eigenen Bass erstanden, der aber einen Wackelkontakt hatte, und außerdem ein nur anderthalb Meter langes Diodenkabel. Als er dann beim ersten Titel den Geist aufgab, sprang uns das Glück zur Hilfe: im Keller hatten am Nachmittag Tausend Tonnen Obst geprobt, und deren Bassist borgte mir kurzerhand sein Instrument, leider war die e-Saite um einen Halbton verstimmt, was nicht ich, aber viele im Publikum merkten, und es ist auf der Kassette für alle Zeiten dokumentiert. Vielleicht gab uns das den nötigen Kick Experimentalismus, denn bei den beiden Vor-Acts und beim Anblick des Publikums stellten wir vorher fest, dass sich hier die absolute Avantgarde versammelt hatte, deren Erwartungen wir doch eher nicht entsprachen, weil eben nicht schräg und experimentell genug. Ich stand außerdem noch unter dem starken Eindruck, den die Vorband "Spehrmuel" hinterlassen hatte. Deren Vortrag entzog sich jedweden Versuches einer Einordnung: vier, nun ja, Schlagzeuger, jeder hatte vor sich einen Haufen oder Stapel aus Sperrmüll aufgetürmt (ich erinnere mich an eine Waschmaschine, viele sechseckige Kisten, wie sie damals für H-Milchtüten im Gebrauch waren). Ein Sänger, der die meiste Zeit zu dem ohrenbetäubenden Gescheppere ziemlich modern rappte, und der bei den wenigen überraschenden Breaks gekonnt Liedgut trällerte, zB Hoch auf dem gelben Wagen. Zum Glück kamen die Leute danach bei Matthias Meißners Solovortrag etwas zur Ruhe, denn direkt nach Spehlmuel spielen zu müssen, nee, das kann keine Band. Für uns war es ein Meilenstein: noch nie hatten wir so zentral in Berlin gespielt, und vor solch vermeintlich geschmacks- und richtungsweisendem Publikum, auch wenn kaum 80 Leute in dem schmalen Raum gewesen sein dürften. Ralph von den Potentiellen Steaks

A Seite

Blanco Check II Live JC "Konrad Wolf" 07.12.88

01.Badminton Toddy
02.Whole Lotta Fire
03.The Elm-Tree
04.I Stay
05.Scientific Joe
06.Crossfire
07.Long Tall Annie

B Seite

Generalprobe 08.04.89 Dachstudio Wassmannsdorf / für Werkstatt Köpenick 08.04.89

08.Market Place
09.T.S.H.-Express
10.Crossfire
11.Scientific Joe
12.I Stay
13.Badminton Toddy
14.109
15.Bring About
16.Blind - The Elm-Tree

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